Mentoria on tour
Von Camino, Compostela, Bubble und Kopf-Herz-Körper-Kohärenz: Warum dieser Weg mein Leben verändert hat – und was bewusste Resilienz wirklich bedeutet
von Susanne Eichholz, April 2026
850 Kilometer. Drei Etappen. Unzählige Schmerzen, Kilometer, Blasen, Begegnungen, Erkenntnisse – und ein Ankommen in Santiago de Compostela, das mich nachhaltig verändert hat. Dieser Weg war für mich weit mehr als eine Grenzerfahrung. Er wurde zu einer sehr persönlichen Lektion über bewusste Resilienz, über das bewusste Wählen meiner Einstellung und über die Frage, was passiert, wenn Kopf, Herz und Körper wieder anfangen, zusammenzuarbeiten.
Der Weg ruft. Schon wieder.
Es ist jetzt genau ein halbes Jahr her, dass ich in Santiago de Compostela angekommen bin. Ein halbes Jahr seit diesem Moment, der mich nicht nur bewegt, sondern im wahrsten Sinne des Wortes verändert hat. Und ich kann heute sagen: Dieser Weg war lebensverändernd. Und während mein Körper längst wieder regeneriert ist, sind mein Herz und mein Kopf wohl immer noch unterwegs.
Vielleicht beginnt der Camino wirklich erst dann so richtig, wenn man wieder zu Hause ist.
Nicht, weil plötzlich alles leicht war.
Nicht, weil ich dort irgendeine romantisierte Selbstfindung erlebt hätte.
Sondern weil ich auf diesem Weg etwas sehr Wesentliches verstanden habe:
Resilienz ist nicht einfach nur Durchhalten. Resilienz ist eine bewusste Entscheidung.
Was ich heute sicher weiß: Dieser Weg war für mich weit mehr als Wandern. Weit mehr als eine sportliche Herausforderung. Weit mehr als ein persönliches Ziel. Der Camino war für mich ein Erfahrungsraum für bewusste Resilienz, für das bewusste Wählen meiner Haltung, für die Frage, wie Kopf, Herz und Körper eigentlich zusammenarbeiten — oder eben gegeneinander.
Und jetzt, sechs Monate später, bringt er mich noch immer zum Leuchten, wenn ich davon erzähle. Daher ist mein Rucksack wieder gepackt und auf ihm steht nun:
SDC RELOADING …
Denn ja:
Der Weg ruft mich wieder.
Diesmal wird es der Camino Portugués ab Lissabon über Porto und dann auf dem Küstenweg nach Santiago de Compostela. Rund 650 Kilometer in 26 Tagen. Am Stück. Alleine. Und ja: Der Weg ruft mich. Wer das noch nie erlebt hat, kann das vielleicht schwer nachvollziehen. Ehrlich gesagt kann man es auch nicht wirklich erklären, aber ich kann es sehr deutlich fühlen.
#Camino #Weg #Resilienz


Mein Camino in Etappen: 2019, 2023 und dann das große Finale
Angefangen hat mein Weg auf dem Camino del Norte im Jahr 2019. Die ersten rund 250 Kilometer bin ich damals von Irun an der französisch-spanischen Grenze bis Santander gelaufen. Erst 2023 ging es pandemiebedingt weiter, ungefähr 250 Kilometer, von Santander weiter Richtung Westen nach Gijon. Und 2025 dann die dritte Etappe: die letzten gut 350 Kilometer bis nach Santiago de Compostela.
Insgesamt waren es damit etwa 850 Kilometer auf drei Etappen in 35 Tagen.
Manche laufen den Weg von Anfang bis Ende am Stück. In knapp sechs Wochen, mit allem Drum und Dran. Respekt. Wirklich. Andere machen es aus Zeitgründen so wie ich: in Etappen. Und ja, das ist völlig in Ordnung, denn auch das ist ein Weg. Einer, der vielleicht sogar besonders gut zum echten Leben passt: unterbrochen, in unterschiedlichen Lebensphasen wieder aufgenommen, nicht geradlinig, aber trotzdem konsequent. Für die Compostela, also die Urkunde, musst Du übrigens „nur“ die letzten 100 Kilometer zu Fuß oder 200 Kilometer mit dem Fahrrad nachweisen. Was mich dabei immer wundert, wenn die e-Bike Fahrer bergauf fast mühelos an mir vorbeidüsen – die 200 km für Fahrradfahrer sind für die eher unfair, die sich ohne Motor die Steigungen hinaufquälen – und die sind wirklich nicht ohne…
Aber mal ganz ehrlich: Logistisch wieder genau an den Ort zurückzukehren, an dem man aufgehört hat, ist auch schon eine Disziplin für sich. Da geht gerne mal ein kompletter Reisetag drauf — mindestens. Hier ist gute Planung im Vorfeld gefragt, Freestyle funktioniert bei den spanischen Fahrplänen nur so semi. Flexibilität ist also nicht nur auf dem Weg gefragt, sondern schon bei der Anreise.
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Warum ich losgegangen bin
Diese Frage kommt ziemlich schnell. Sie kommt immer wieder, sie verändert sich nicht.
Warum gehst Du diesen Weg?
Die Antwort jedoch verändert sich mit der Zeit und mit jeder Lebensphase. Ich bin nicht aus spirituellen Gründen losgelaufen. Zumindest nicht bewusst. Angefangen hat alles nach dem Ende einer langen und schwierigen Beziehung. In einem therapeutischen Kontext bekam ich den Impuls, dass es mir wahrscheinlich guttun würde, etwas zu tun, das mich aus meiner Routine holt. Etwas, das mich an meine Grenzen bringt. Vielleicht sogar darüber hinaus. Etwas, das mich wieder in Verbindung mit mir selbst bringt…Fallschirmspringen war ein Vorschlag. Ein neues Hobby auch.
Fallschirmspringen ist es dann nicht geworden.
Es wurde der Camino.
Und ja, das hat funktioniert. Natürlich. Spätestens wenn Dir nach vielen Kilometern alles wehtut, die nächste Blase kommt, es in Strömen regnet und stürmt, die Füße und alles andere nass sind, kommst Du sehr zuverlässig raus aus jeder sogenannten Komfortzone.
Ich bin übrigens kein großer Fan vom Begriff Komfortzone. Denn eine Komfortzone klingt angenehm. Komfortabel. Nach Sofa, Tee, Kerze und Kuscheldecke. Aber oft leben wir gar nicht in einer Komfortzone. Sondern in einer Gewohnheitszone. In einem Zustand, der vielleicht längst nicht mehr gut für uns ist, an den wir uns aber gewöhnt haben, weil er eine gewisse Sicherheit verspricht, eine Routine. Auch an Schmerz kann man sich gewöhnen. Auch an innere Enge. Auch an ein Leben, das sich nicht mehr richtig nach einem selbst anfühlt. Und manchmal braucht es genau dann Bewegung. Reibung. Entscheidung. Veränderung. Trotz.
Und genau das war der Punkt:
Ich wollte mich wieder spüren.
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Ich gehe den Weg allein — aber nicht einsam
Für mich funktioniert der Weg nur alleine – mein wohl ganz persönlicher Egotrip (mit einem oder zwei Augenzwinkern). Der Camino ist voller Menschen, jeder mit seinem ganz individuellen Ansatz: spirituell, gesundheitlich, persönlich, sportlich, neugierig, aus Sehnsucht, aus Kummer, aus Freude, aus Trotz. Und gleichzeitig ist er ein sehr persönlicher, sehr innerer Weg. Du läufst mit Deinen Gedanken. Mit Deinen Schmerzen. Mit Deinen Zweifeln. Mit Deinem Glück. Mit Deiner Freude. Mit Deinem inneren Kino. Und trotzdem gilt für mich eine der schönsten Erkenntnisse dieser Zeit:
Du läufst den Weg zwar allein aber Du bist niemals einsam.
Das habe ich unterwegs auf unterschiedlichste Weise erlebt. Durch Begegnungen. Durch Blicke. Durch gemeinsames Lachen. Durch gemeinsames Weinen. Durch dieses große Hallo, wenn man sich in irgendeiner Bar im „Nirvana“ irgendwo in den Bergen nach ein paar Tagen wiedertrifft. Durch Abende, an denen man sich plötzlich an einer Tafel mit 10 unbekannten internationalen Menschen zum Abendessen wiederfindet. Durch Menschen, die man kaum beim Namen kennt und die einem trotzdem plötzlich vertraut sind, weil man dasselbe emotionale Ziel teilt. Dieses Ziel gibt sich übrigens erst kurz vor der Ankunft zu erkennen. Zunächst geht es individuell um den Weg an sich, zu suchen oder zu finden, die wundervolle Natur, den Weg zu erleben, ihn und seinen eigenen Schweinehund zu bezwingen. Mit seinem Körper klarzukommen. Einen Schlafplatz zu finden. Etwa 100 Kilometer vor Santiago tritt dann plötzlich eine Veränderung ein. Dir wird bewusst, dass Du in ein paar Tagen in Santiago ankommst. Das ändert Deine Haltung. Dass Du es trotz aller Zweifel doch schaffen wirst. Dass es dann vorbei ist. Dass Du den Weg bezwungen hast. Dass Du Deinen Schweinehund bezwungen hast. Dankbarkeit erfüllt Dich. Stolz erfüllt Dich. Wehmut setzt ein. Du mutierst zeitweise zum „Emo“. Du läufst langsamer. Du genießt jeden schmerzenden Schritt. Und plötzlich stellst Du fest, dass es den meisten Menschen um Dich herum genau so geht. Das festzustellen macht Gänsehaut. Aus einem ICH wird langsam ein WIR. Alle humpeln. Alle haben Schmerzen. Aber niemand jammert groß oder leidet. Jeder weiß, wofür er losgegangen ist. Das macht aus einer Gruppe von unbekannten Individuen ein Team mit plötzlich einem gemeinsamen Ziel – ANZUKOMMEN. Diese gemeinsame Ausrichtung schafft Verbindung. Eine kleine Gemeinschaft. Man kennt nicht immer alle Namen, aber man erkennt sich. Man feiert sich. Man trägt sich gegenseitig. Das verändert alles. Da entstehen Freundschaften. Das gibt Kraft und Motivation. Auch das trägt Dich die letzten Kilometer.
Und ich habe es auch digital erlebt. Es war mir auf dem Weg gar nicht so klar, und im Nachgang war ich wirklich geflasht, wie viele Menschen mich virtuell begleitet haben – Supporter, Motivatoren, Wegbegleiter, Freunde. Wie viele meine Statusmeldungen und Posts in den sozialen Netzwerken gelesen haben. Wie viele Nachrichten kamen. Die Nachfragen manchmal am Abend, ob denn alles in Ordnung sei, man „warte gespannt auf die nächste Statusmeldung und es kam noch nichts“. Wie viel Ansporn und freundliche Worte. Wie viel Anteilnahme. Wie viel Würdigung. Wie viele positive Reaktionen, noch Monate später. Auch von Menschen, die ich fast gar nicht kenne.
Und ich kann heute mit voller Überzeugung sagen:
Ich war auf diesem Weg niemals allein.
Vielleicht physisch oft schon und das war beabsichtigt und genau richtig so. Aber emotional ganz sicher nicht. Das erfüllt mich auch im Nachhinein noch mit großer Dankbarkeit und gib mir Mut für den nächsten Start.
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Die kleine große CAMINO BUBBLE
Sobald Du das erste kleine gelbe Zeichen siehst, passiert etwas mit Dir. Es ist fast absurd, wie unscheinbar dieses Zeichen oftmals ist — und wie groß seine Wirkung.
Du siehst diesen kleinen gelben Pfeil und weißt:
Du bist wieder auf dem Camino, back on track.
Und in dem Moment geht Dir das Herz auf und Du tauchst ein in diese Welt. Komplett. Mit Kopf, Herz und Körper.
Du atmest den Duft der Eukalyptuswälder ein. Du hörst Vogelgezwitscher. Du spürst und atmest das Meer. Du hörst die Ruhe, die ohrenbetäubend sein kann. Du fokussierst den Blick automatisch auf das nächste Zeichen. Du bist wieder drin. In dieser kleinen großen Camino Welt. In dieser BUBBLE. In einer Welt, die einerseits ganz leicht zugänglich ist und in die man erstaunlich schnell eintaucht — und aus der man andererseits nur sehr schwer wieder herauskommt.
Diese CAMINO BUBBLE hat ihre eigenen Gesetze. Ihre eigene Sprache. Ihre eigenen Zeichen. Ihre eigenen Rituale. Ihre eigene Zeitrechnung. Dort zählt plötzlich nicht mehr, was draußen wichtig erscheint. . Dort gelten andere Maßstäbe. Andere Prioritäten. Andere Gespräche. Dort geht es nicht um Status. Nicht um Fassade. Nicht um Rollen. Dort zählen die Kilometer nicht mehr. Dort geht es um Präsenz. Um den nächsten Schritt. Weiterzumachen. Regenwolken. Wasser (oder Bier ). Atmen. IBU. Blasenpflaster. Waschsalons (ich liiiiiebe Waschsalons). Das nächste gelbe Zeichen. Eine trockene Unterkunft. Ein freundlicher Blick. Ein ehrliches Buen Camino.
Und genau darin liegt für mich auch ein Teil der Resilienz:
Reduktion. Fokus. Präsenz. Das Wesentliche. Spüren.
#Camino #Weg #Resilienz #Mentoria #Pfeil #Waschsalon


Respekt, Zweifel und ein kleines Brett von 350 Kilometern
Vor der letzten Etappe war ich euphorisch. Und dann kam der Respekt. Um nicht zu sagen: die Angst vor der eigenen Courage.
Gut 350 Kilometer, rund 6.600 Höhenmeter, 13 Tage bis Santiago de Compostela — das ist kein Sonntagsspaziergang. Das ist schon ein Brett. Und es kann theoretisch so viel schief gehen.
Aber wie so oft im Leben gilt: Aus der Entfernung wirkt vieles größer als mittendrin. Sobald ichwieder in der Camino Bubble war, wurde die nackte Zahl unwichtig, war nicht mehr entscheidend. Da war nur noch der nächste Schritt wichtig. Das nächste gelbe Zeichen. Die nächste Kurve. Der nächste Anstieg. Der nächste Kaffee. Oder, seien wir ehrlich: die nächste IBU.
Ja, ich habe unterwegs auch die Camino-Droge Ibuprofen kennengelernt. Ich dachte, nur ich würde nach 20 Kilometern für die letzten 10 Kilometer eine IBU einwerfen, ich habe mich geirrt….ich traf eines Regentages einen Vietnamesen, den ich am Vorabend in einer Herberge gebeugt und humpelnd sah. An diesem Vormittag überholte er mich und flog förmlich an mir vorbei. Ich fragte ihn, wie er das machen würde. Er drehte sich grinsend um und rief mit zu „IBU – the Camino drug“. Und nein, das ist kein medizinischer Ratschlag, sondern eher eine Feldnotiz des Wegs. Wenn nach 20 Kilometern alles weh tut und Du trotzdem noch 10 weitere vor Dir hast, dann entwickelt man plötzlich ein sehr inniges Verhältnis zu seiner Reiseapotheke. Blasen, Knie, Zehen, Muskeln — irgendwas ist immer. Wer auf den Camino geht: bitte ausreichend Verbandmaterial, Desinfektionsmittel, Nadel, Faden (für die täglichen Operationen und Drainagen der Blasen), IBU und Humor einpacken. Wirklich. Humor hilft auch.
#Camino #Weg #Resilienz #Mentoria


Demut, Schmerz und das echte Leben auf dem Weg
Es gibt unterwegs diese Tage, an denen alles leicht wirkt. An denen die Sonne scheint und Du im Flow förmlich über den Weg tanzt. Und es gibt die anderen. Die mit Schmerzen, lauten verkehrsreichen asphaltierten Landstraßen, schwerem Herzen, Zweifeln, Blasen, Regen, Hitze und dem Gefühl, dass 20 Kilometer sich anfühlen wie 35. Tage, an denen die Motivation bröckelt und Aufgeben trotzdem niemals, nie, mit keinem Gedanken, eine Option war.
An solchen Tagen kam mir immer wieder ein Wort in den Sinn:
Demut.
Demut vor der Natur.
Demut vor der Macht der Gedanken.
Demut vor Gefühlen.
Demut vor Beziehungen.
Demut vor dem Körper.
Demut auch vor dem, was andere tragen, aushalten und überwinden.
Der Camino relativiert. Der Camino zeigt Dir ziemlich ungeschminkt, wo Deine Grenzen liegen. Und gleichzeitig zeigt er Deinem Körper und Deinem Herzen, dass da oft noch mehr geht, als Dein Kopf Dir erzählen will.
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Was bergab geht, geht auch wieder bergauf
Eine weitere Erkenntnis vom Camino del Norte, die im Übrigen sehr gut aufs echte Leben übertragbar ist:
Was bergab geht, geht danach auch wieder bergauf.
Es ist ein Satz mit Augenzwinkern – und mit Wahrheit. Denn wer den Camino del Norte geht, lernt sehr schnell: Kaum freust Du Dich über ein Stück bergab, kommt auch schon der nächste Anstieg um die Ecke, den es zu bezwingen gilt. Man kann das aber auch in beide Richtungen lesen. Und genau deshalb ist es so schön. Ja, es ist manchmal zäh. Ja, es tut weh. Ja, es gibt diese Etappen, in denen man sich fragt: Warum mache ich das hier eigentlich?
Und gleichzeitig ist da immer wieder dieses Wissen und genau das ist der Punkt:
Es bleibt nicht, wie es ist.
Weder die Leichtigkeit noch die Anstrengung.
Weder der Schmerz noch die Euphorie.
Es verändert sich.
Es geht vorbei.
Und hinter dem nächsten Anstieg wartet oft schon der nächste Ausblick. Das gilt auf dem Weg. Und das gilt im Leben.
In unserer schnelllebigen Zeit, in der es doch so oft um vorwärts! schneller! höher! weiter! geht, kann es auch nicht schaden, mal kurz innezuhalten. Sich umzudrehen. Zurückzublicken. Den Weg Revue passieren zu lassen. Sich daran zu erfreuen, was man schon geschafft hat und wie schön das eigentlich war. Was man vielleicht mitgenommen hat. Welchen Ballast man vielleicht abgeworfen hat. Welchen Ballast man nicht mehr weitertragen möchte. Und dann setzt man den nächsten Schritt wieder vorwärts und den nächsten.
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Meine Angstetappe und der Moment, in dem das Herz gewann
Da war diese eine Etappe. Meine Angstetappe. Schon bei der Planung hatte ich nach dem Busfahrplan geschaut. Nur mal so. Sicherheitshalber. Rein theoretisch natürlich. Ich muss das ja nicht sofort entscheiden…
Praktisch war der Platz vor der Kathedrale von Mondoñedo ein Kriegsschauplatz. Es tobte ein erbitterter innerer Kampf. Kopf gegen Herz. Zweifel gegen Mut. Glaubenssatz gegen Wirklichkeit.
Wie soll ich da hochkommen?
Wenn ich losgehe, gibt es keine Alternative.
Schafft das mein Körper?
Nimm den Bus.
Stell Dich nicht so an.
Du hast bisher alles geschafft.
Und dann passierte etwas Entscheidendes:
Ich besichtigte die Katathedrale von Mondonedo, um mir die zwei Stunden bis zum nächsten Bus zu vertreiben. Nicht, dass dort etwas bemerkenswertes passiert wäre, aber ich bin danach dann einfach losgegangen. Nicht, weil ich sicher war. Sondern obwohl ich es nicht war.
Herz über Kopf.
Und das Herz hat am Ende triumphiert.
Ich habe diese Etappe geschafft. Gegen meine eigenen Glaubenssätze. Gegen meine Zweifel. Gegen die Geschichte, die ich mir selbst erzählt hatte. Und ich war danach so stolz, so erleichtert, so überwältigt, dass ich wirklich einen Schrei losgelassen habe. So einen echten. Nicht elegant. Nicht kontrolliert. Sondern roh. Ehrlich. Laut. Befreiend.
Das hat etwas mit mir gemacht.
Seitdem kann ich bewusster atmen. Tief in den Bauch. Genau an die Stelle, an der über Monate dieser Druck und Schmerz saß. Ich konnte ihn nicht einfach wegatmen, so funktioniert Heilung leider selten. Aber irgendetwas begann sich zu lösen.
Und genau da wurde mir klar:
Resilienz ist nicht die Abwesenheit von Angst. Resilienz ist, trotzdem weiterzugehen. Bewusst. Verbunden. Einen Schritt nach dem anderen.
#Camino #Weg #Resilienz #Mentoria #Herzüberkopfdort


Bewusste und unbewusste Resilienz
Ein Punkt, der mir heute besonders wichtig ist: Wir alle haben in unserem Leben schon Krisen überstanden. Wir alle haben schon Dinge bewältigt, von denen wir vorher nicht wussten, ob und wie wir sie schaffen. Das ist unbewusste Resilienz. Sie passiert. Wir funktionieren. Wir tragen. Wir halten aus. Wir stehen wieder auf. Irgendwie. Oft rückblickend stellen wir fest, dass wir stärker geworden sind.
Aber es gibt auch die bewusste Resilienz. Und die ist für mich der eigentliche Gamechanger.
Bewusste Resilienz bedeutet nicht, dass alles leicht ist.
Sie bedeutet nicht, dass wir keine Angst mehr haben.
Sie bedeutet auch nicht, dass wir nur noch positiv denken und lächelnd durch die Hölle spazieren.
Bewusste Resilienz heißt für mich:
Du wählst Deine Einstellung.
Nicht immer die Umstände.
Nicht immer das Gefühl.
Nicht immer die Situation.
Nicht immer den Schmerz.
Nicht immer das, was das Leben Dir vor die Füße wirft.
Aber Du kannst wählen, wie Du Dich dazu innerlich positionierst. Deine Haltung:
Du kannst wählen, wie Du innerlich damit umgehst.
Du kannst wählen, ob Du Dich kleinmachst oder aufrichtest.
Du kannst wählen, ob Du Dich ohnmächtig fühlst oder Verantwortung übernimmst.
Du kannst wählen, ob Du Opfer der Umstände bleibst oder Gestalterin Deines Weges wirst.
Du kannst wählen, ob Du Dich von Angst führen lässt — oder von Vertrauen – von Deiner Selbstwirksamkeit.
Du kannst wählen, ob Du gegen Dich arbeitest oder mit Dir.
Der Camino war für mich ein sehr ehrliches Trainingslager genau dafür.
#Camino #Weg #Resilienz #Mentoria


Kopf, Herz und Körper: Die eigentliche Aufgabe
Der Schafhirte in Mondonedo sagte mir am Fuße des Berges vor dem großen Aufstieg:
„Das ist alles Kopfsache.“
Und ich dachte mir:
Nein. Das ist mir zu kurz und ich glaube bis heute: Das stimmt nur zur Hälfte.
Ja, natürlich steuert der Kopf den Körper. Natürlich beginnen viele Entscheidungen im Denken. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn der Körper ist der, der trägt. Der geht. Der schmerzt. Der durchhält. Und das Herz ist der Motor. Der Antreiber. Die Leidenschaft. Der Sinn. Das Warum.
Für mich war die große Erkenntnis dieses Weges deshalb:
Kopf, Herz und Körper müssen in Kohärenz kommen.
Wenn der Kopf nur zweifelt, das Herz nur fühlt und der Körper nur funktioniert oder schlimmstenfalls leidet, dann wird es zäh, mühsam. Wenn sie aber anfangen, miteinander statt gegeneinander zu arbeiten, dann entsteht etwas Unglaubliches: Kraft. Klarheit. Präsenz. Richtung. Wenn sie also in Kohärenz kommen, entsteht etwas Kraftvolles. Dann wird aus innerem Kampf wieder Richtung.
Und genau darin liegt für mich ein wesentlicher Teil bewusster Resilienz.
Und vielleicht ist genau das meine Lebensaufgabe gewesen, die mir dieser Weg so deutlich vor die Füße gelegt hat:
Herz und Kopf wieder zu synchronisieren und den Körper als Verbündeten zu ehren.
#Camino #Weg #Resilienz #Mentoria #Kohärenz


Ich war noch nie so stark wie heute. Und ich war noch nie so schwach.
Dieser Satz ist für mich bis heute einer der wahrsten überhaupt und beschreibt meinen Weg vielleicht am besten:
Ich war noch nie so stark wie heute. Und ich war noch nie so schwach.
Genau darin liegt für mich keine Widersprüchlichkeit, sondern Wahrheit. Stärke ist nicht Härte. Stärke ist nicht Unverwundbarkeit. Stärke ist nicht, nichts mehr zu fühlen. Stärke bedeutet auch nicht, immer alles im Griff zu haben.
Im Gegenteil.
Wirkliche Stärke beginnt oft genau da, wo wir uns nicht mehr hinter Fassade, Funktionieren und Kontrolle verstecken. Wo wir fühlen, was ist. Wo wir benennen, was ist. Wo wir annehmen, was ist. Wo wir uns öffnen und uns berühren lassen. Und trotzdem weitergehen.
Oder vielleicht gerade deshalb.
#Camino #Weg #Resilienz #Mentoria

Der Camino Punk in SCHWARZ. WEISS. PINK.
Irgendwann habe ich beschlossen, dem Weg ein bisschen Farbe zu geben. Ganz ehrlich: Auf dem Camino laufen schon sehr viele Menschen in graubraun-grün-petrol-rostrot herum, gerne in dieser speziellen Funktionskleidung, die praktisch ist, aber ästhetisch eher… sagen wir mal… ausbaufähig.
Also dachte ich mir:
SCHWARZ. WEISS. PINK. Mentoria goes Camino.
Und ja, das fiel auf. Mentoria eben. Struktur trifft Kreativität. Auch auf Pilgerwegen.
SCHWARZ. WEISS. PINK. Wir vereinen mit Mentoria zwei scheinbare Gegensätze: Klare Strukturen & kreative Lösungen.
SCHWARZ…steht für Struktur, Fachwissen & Professionalität. Wir arbeiten analytisch, zielgerichtet und mit einem klaren Plan. Denn ohne eine solide Grundlage gibt es keine nachhaltige Entwicklung.
WEISS…symbolisiert Offenheit, Transparenz & Neugier. Veränderung ist ein Prozess – und wir schaffen den Raum dafür.
PINK…bringt Leidenschaft, Kreativität & Emotionen. Lernen darf Spaß machen! Wir erwecken Themen mit Humor, inspirierenden Geschichten und erlebbaren Methoden zum Leben.
Unsere Philosophie: Struktur ohne Kreativität ist trocken. Kreativität ohne Struktur bleibt chaotisch. Mentoria verbindet beides – für eine nachhaltige, lebendige Entwicklung, die bleibt.
Ich bekam sinngemäß zu hören:
„Ach, Dich hab ich doch schon vor ein paar Tagen da und dort gesehen…..“
Und: „Ihr Berliner habt ja schon einen besonderen Style….“
Und: „was will so eine denn auf dem Camino- mit Wimpern, Nägeln und blondiert…“
Hinzu kam noch, dass ich, wenn die Stille zu laut wurde oder die Schritte zu schwer, die Airpods nahm und mein Beats Radio den Takt habe vorgeben lassen. Das führte dazu, dass ich teilweise den Weg tanzte, die Schritte im Takt, die Stöcke über die Schultern geworfen, mit dem Kopf wippend und mit dem Popo wackelnd. Das mutete aus der Ferne sicher etwas sonderbar an.
Irgendwo zwischen liebevoller Verwunderung und stiller Kategorisierung bekam ich dann meinen inoffiziellen Titel:
Camino Punk.
Fand ich großartig. Nehme ich. Behalte ich.
Und ganz ehrlich: Nur weil ich „lebendiger“ aussah, hatte ich nicht weniger Schmerzen. Ich hatte genauso viele Blasen und Themen wie alle anderen. Vielleicht nur in pinker. Erstaunlicherweise wurden die (nennen wir sie mal liebevoll) „Schubladendenker“ im Nachgang meine bereicherndsten Kontakte, die teilweise bis heute halten.
#Camino #Weg #Resilienz #Mentoria



Die letzten 50 Kilometer vor Santiago de Compostela
Je näher Santiago de Compostela kommt, desto voller wird es. Ab den letzten 100 Kilometern wird es deutlich mehr. Alle sammeln Stempel für ihre Credencial (der Pilgerpass, den benötigt man als Nachweis). Alle wollen ihre Compostela (die Pilgerurkunde). Und man merkt schnell: Manche jagen eher der Urkunde hinterher, andere dem Erlebnis.
Ich für meinen Teil war einfach nur tief drin in diesem Weg. Tief drin in mir.
Nach elf Tagen, 265 Kilometern und über 6300 Höhenmetern habe ich gemerkt, wie mein Körper und mein Geist immer stärker, klarer und widerstandsfähiger wurden.
So fühlt sich Resilienz an. Nicht geschniegelt auf Social Media, sondern verschwitzt, verregnet, mit Ibu in der Seitentasche, Füße voller Verbände und dem Blick auf den nächsten gelben Pfeil fokussiert.
#Camino #Weg #Resilienz #Mentoria

Ankommen in Santiago de Compostela
Meine starke rationale Seite hatte echte Bedenken, dass ich vielleicht gar nicht diese großen Emotionen spüren würde, von denen alle immer sprechen. Dass ich da ankomme und denke: Ja gut, da ist sie nun, die Kathedrale. Nett. Haken dran. Nächstes Projekt.
Pustekuchen.
Ab Galicien gibt es alle paar Kilometer Stelen die anzeigen, wie weit es noch bis zur Kathedrale von Santiago de Compostela ist. Die Tränen liefen bei mir schon ab Kilometer sechs. Ich war überwältigt von allen möglichen Emotionen, die schwer voneinander zu trennen waren. Ich habe Rotz und Wasser geheult und ich hatte keine Taschentücher dabei! Als ich dann wirklich in Santiago de Compostela auf der Praza do Obradoiro vor der Kathedrale (mit einer Grabstätte, die dem Apostel Jakobus zugeschrieben wird) einlief, die Dudelsackspieler (wie im Kino) im Hintergrund, war das unglaublich emotional. Gänsehaut. Atemlosigkeit. Überwältigung. Dieser ganze Moment — keine Worte können das wirklich beschreiben.
Und dann stand ich da. Allein.
Mit allem, was dieser Weg in mir bewegt hatte.
Mit allem Schmerz.
Mit allem Stolz.
Mit aller Erleichterung.
Mit allem, was ich mir selbst zurückerobert hatte.
Das war einer der bedeutendsten, emotionalsten und überwältigendsten Tage meines Lebens.
Im Pilgerbüro, als ich meine Urkunde abgeholt habe, kamen mir wieder die Tränen. Die Dame hinter dem Schalter, die täglich tausende von Pilgern in Empfang nimmt, ist tatsächlich aufgestanden und hat mich in den Arm genommen. Einfach so. Diese Zugewandtheit. Diese Würdigung. Diese Menschlichkeit. Es tat so gut.
Und ich wusste in dem Moment:
Ich habe das wirklich geschafft. Ich habe den Weg geschafft. Ich habe mich geschafft. Ich bin angekommen.
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War das spirituell? Vielleicht. Vielleicht auch einfach menschlich.
Ich bin den Weg nicht aus spirituellen Gründen gegangen. Das war nie mein Ansatz. Aber ich wurde später gefragt, ob ich dort eine spirituelle Erfahrung gemacht hätte.
Und ich glaube, meine Antwort ist heute:
Joah – vielleicht….
Als ich nach meiner Ankunft in Santiago de Compostela vor der Kathedrale ALLEIN stand und langsam ein bisschen runterkam, dachte ich plötzlich: Es wäre schön, jetzt gerade doch nicht alleine zu sein und diesen so besonderen Moment mit jemandem zu teilen. Mit jemandem, der versteht, was gerade in mir passiert. Mit jemandem, der weiß, wie sich das anfühlt.
Und genau in diesem Moment tauchten die fünf pensionierten spanischen Herren aus dem Waschsalon auf, die ich einige Tage vorher kennengelernt hatte und mit denen ich am Vorabend eine Flasche Wein geteilt hatte. Mit denen ich so viel Spaß hatte.
Ja. Genau die.
Sie haben mich aufgefangen. Mit mir Fotos gemacht. Mich gefeiert. Mit mir gefeiert. Wir haben Wein getrunken. Wir haben gemeinsam gegessen. Es war leicht, herzlich, zugewandt….genau richtig. Genau zur richtigen Zeit. Genau in dem Moment, in dem ich nicht mehr allein sein wollte. Und nach und nach trafen auch viele andere Wegbegleiter ein, die Gruppe wurde immer größer.
Ob das spirituell war?
Vom Universum geschickt?
Von einem Gott?
Vom Camino selbst?
Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass es ein Geschenk war.
#Camino #Weg #Resilienz #Mentoria




Der Pfeil auf meinem Handgelenk
Auf dem Weg habe ich irgendwann gemerkt, wie wichtig dieses Symbol für mich geworden ist: der gelbe Pfeil. Dieses kleine Zeichen, das Dir sagt: Du bist noch richtig. Hier lang. Weiter. Nicht stehen bleiben. Vertraue.
Die Idee nahm in den letzten 24 Stunden des Wegen Form an und je näher ich Santiago kam, verfestigte sich mein Entschluss.
Und deshalb habe ich mir in Santiago de Compostela spontan ein Tattoo stechen lassen. Einen Pfeil. Ganz schlicht. Auf der Innenseite meines rechten Handgelenks. Dort, wo ich ihn immer sehen kann.
Nicht hinter dem Ohr. Nicht irgendwo versteckt.
Ich will ihn sehen.
Weil er mich daran erinnert, dass der Weg weitergeht. Dass ich vertrauen darf. Dass Richtung nicht immer logisch sein muss, aber spürbar. Weil genau dieser Pfeil für mich zum Symbol geworden ist. Für Richtung. Für Vertrauen. Für Fokus. Dass ich unterwegs bin. Immer noch. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, lässt er mich mit einer gewissen Zuversichtlichkeit und Wehmut lächeln.
#Camino #Weg #Resilienz #Mentoria #Pfeil

Was langfristig geblieben ist
Das Beeindruckende ist ja nicht nur das überwältigende Ankommen. Sondern das, was danach bleibt.
Und was geblieben ist, ist enorm:
Mehr Vertrauen in meinen Körper.
Mehr Respekt vor meinem Herzen.
Mehr Klarheit im Kopf.
Mehr positive Energie.
Mehr Stolz.
Mehr Erdung.
Mehr innere Aufrichtung.
Ich habe auf diesem Weg nicht einfach nur Kilometer und Stempel gesammelt. Ich habe etwas zurückgewonnen. Kraft. Zutrauen. Verbindung. Lebensgefühl.
Und ich habe verstanden:
Resilienz ist nichts Abstraktes. Kein schickes Buzzword. Kein theoretisches Konzept für Workshops und Folien.
Resilienz ist gelebte Erfahrung.
Sie entsteht in Krisen.
Sie wächst in Bewegung.
Sie zeigt sich dann, wenn Du eigentlich nicht mehr willst und trotzdem weitergehst.
Und sie wird besonders kraftvoll, wenn sie bewusst wird.
Wenn Du nicht nur irgendwie durchkommst.
Sondern beginnst, bewusst zu wählen.
Deine Haltung. Deine Perspektive. Deine Energie.
Du wählst Deine Einstellung.
#Camino #Weg #Resilienz #Mentoria #Einstellung


Sechs Monate später: SDC RELOADING
Und jetzt, ein halbes Jahr später? Die erste Zeit nach meiner Rückkehr war zugegeben recht schwierig. Wieder in den Alltag zurückzufinden, war und ist doch ein Teil von mir noch immer unterwegs. Ich hatte nicht das Gefühl es zuhause nicht auszuhalten, sondern das Bedürfnis, wieder auf den Weg zu gehen. Ich war hier und auch nicht. Es fühlte sich alles irgendwie banal und oberflächlich an, als wäre ein Weichzeichner auf dem Alltag, als würde man von außen drauf schauen. Ein bisschen wie in Watte – schwer zu beschreiben. Ein Teil von mir war hier – euphorisiert, erfüllt und klarer und kraftvoller denn je und trotzdem unvollständig. Und auch in diesem Zustand hat mir einmal mehr geholfen:
NAME IT TO TAME IT!
Man nennt das das Post-Camino Syndrom, das in Pilgerforen, Reisebüchern und Gesprächen unter denen, die diese Erfahrung gemacht haben, oft beschrieben wird. Der Jakobsweg ist so viel mehr als ein Wanderweg. Jeder Schritt, jede Begegnung, jedes Gespräch, jede Erkenntnis, jedes Schweigen im Regen oder in der Sonne hinterlässt Spuren. Schon das Leben mit so wenig, das Unterwegssein ohne große Eile, die Nähe zur Natur und die Verbindung mit Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern erschaffen eine eigene Welt. Eine Art parallele Realität. Während des Pilgerns entsteht eine ganz besondere Blase voller Sinn. Man ist unterwegs mit einem klaren Ziel, lebt mit dem Wesentlichen und plötzlich bekommt jeder Tag, jeder Aufbruch, jede Pause und jede Ankunft eine fast symbolische Bedeutung. Wenn man zurückkehrt, beginnt diese Klarheit zu verschwimmen. Der Alltag übernimmt wieder. Termine, Verpflichtungen, Routinen, To-do-Listen. All das, was draußen auf dem Weg so weit weg war, ist plötzlich wieder da. Und genau deshalb ist die Ankunft in Santiago de Compostela nicht einfach das Ende der Reise. Sie ist vielmehr ein Übergang. Vielleicht sogar erst der Anfang von etwas anderem. Denn der eigentliche Sinn des Weges zeigt sich oft erst dann, wenn man wieder zu Hause ist und sich fragt, wie man nun weitergeht — ohne Rucksack, ohne Muschel, ohne Pilgerausweis, aber mit allem, was dieser Weg im Inneren bewegt hat. Die wahre Herausforderung ist aus meiner Sicht nicht, den Camino zu laufen. Die wahre Herausforderung ist, danach im echten Leben etwas von dieser Haltung zu bewahren: diese Demut, diese Dankbarkeit, diese Achtsamkeit, dieses Vertrauen. Also mit derselben inneren Haltung weiterzugehen, mit der man durch Galicien oder über die Küstenwege des Nordens gelaufen ist. Denn am Ende ist der Camino nicht wirklich vorbei. Er verändert nur seine Form. Und wer einmal losgegangen ist, trägt ihn weiter in sich. Vielleicht nicht mehr sichtbar für andere. Aber hörbar im Inneren. Die Schritte enden irgendwann auf dem Weg. Doch ihr Echo hallt noch lange nach.
Also:
Der Rucksack ist wieder fast gepackt.
Ich gehe endlich wieder los.
Diesmal: Camino Portugués ab Lissabon. 650 Kilometer in 26 Tagen. Diesmal hoffentlich am Stück, wenn der Camino wieder gut zu mir ist. Und ja natürlich, wieder allein.
Auf meinen Rucksack habe ich aufgenäht:
SDC RELOADING …
Warum ich wieder gehe?
Ich kann es nicht komplett logisch erklären. Und vielleicht muss ich das auch gar nicht. Der Weg ruft mich. Ich möchte wieder in diesen Zustand kommen. In diese Präsenz. In diese Reduktion. In diese Klarheit. In diese kleine große Camino Bubble. In diese besondere Mischung aus Erschöpfung, Fokus, Freiheit, Wehmut, Verbindung und Lebendigkeit. Ich habe gelesen: „Wieder zu gehen ist kein Zeichen von Flucht, sondern von Wiederbegegnung.“
Beim letzten Mal hatte ich das Gefühl:
Da ist noch mehr.
Ich bin noch nicht fertig mit mir.
Und vielleicht auch nicht mit dem Weg.
Diesmal möchte ich den Rucksack wieder selbst tragen. Das ist aktuell noch mein kleines persönliches Optimierungsprojekt. Letztes Mal bin ich mit zehn Kilo losgelaufen. Diesmal sollen es bitte acht werden. Was ein Drama. Minimieren ist wirklich hart. Abwiegen und Abwägen auch. Im wahrsten Sinne.
Neben dem Gewicht, das ich auf den Schultern tragen werde, sind mein eigentlicher Endgegner die Blasen an Füßen und Händen, die ich unbedingt vermeiden will. Doppellagige Socken, Zehensocken, Vaseline, eingelaufene Schuhe, Blasenpflaster (NUR zur Vorbeugung), Strategien, Gebete — ich fahre alles auf, was geht.
Aber körperlich bin ich heute in einer Form, wie ich es so noch nie war. Ich habe seit meiner Rückkehr weiter trainiert, mehrfach pro Woche im Fitnessstudio, habe noch ein paar Kilo verloren und ganz ehrlich:
Mit 55 bin ich in der Form meines Lebens.
Und emotional?
Immer noch ein offenes Buch.
Immer noch weich.
Immer noch berührbar.
Aber gleichzeitig voller positiver Energie.
Also ja:
Ich war noch nie so stark wie jetzt. Und ich war noch nie so schwach.
Und beides zusammen ist inzwischen keine Bedrohung mehr für mich.
Sondern meine Wahrheit.
Und vielleicht sogar meine größte Superkraft.
#Camino #Weg #Resilienz #Mentoria



Fazit: Der Weg verändert Dich nicht. Er zeigt Dir, wer Du bist.
Der Camino hat mich nicht zu jemand anderem gemacht. Aber er hat mir sehr deutlich gezeigt, wer ich bin, was in mir steckt und was ich wählen kann.
Meine Haltung.
Mein Fokus.
Meine Richtung.
Meine Energie.
Er hat mir gezeigt, dass Resilienz nicht nur etwas ist, das uns irgendwann irgendwie passiert, weil wir halt funktionieren müssen. Sondern etwas, das wir bewusst kultivieren können.
Mit jedem Schritt.
Mit jeder Entscheidung.
Mit jedem inneren Ja.
Mit jedem bewussten Atemzug.
Mit jedem Moment, in dem wir uns nicht verlieren, sondern wiederfinden.
Vielleicht ist das die größte Erkenntnis dieses Weges:
Nicht der Schmerz definiert mich.
Nicht die Krise.
Nicht der Zweifel.
Nicht die Erschöpfung.
Sondern die Entscheidung, weiterzugehen.
Bewusst. Verbunden. Aufrecht.
Mit Kopf, Herz und Körper.
Und jetzt?
Rucksack packen, Blasenpflaster bunkern, Gewicht reduzieren, Pfeil im Blick behalten und los. Ich werde auch diesmal wieder berichten. „Live“ auf Instagram. Auf Facebook. Im WhatsApp-Status. Und später zusammengefasst natürlich hier im Blog.
Denn manche Wege enden nicht mit der Ankunft.
Manche beginnen dort erst richtig.
Stay tuned.
#Camino #Weg #Resilienz #Mentoria